Gefahr aus dem Nichts

Eine utopische Geschichte von Julien Franke, 10/2

Sehr geehrte Leser/innen,

sollten Sie diesen Text tatsächlich vor sich haben, sind Sie in Besitz eines Dokumentes, das einen entscheidenden und noch nie dagewesenen Sprung der Wissenschaft markiert und seinesgleichen sucht. Für die Bürger des Jahres 2020 wird die Handlung, die im Folgenden geschildert werden soll, in ferner Zukunft stattfinden, nämlich genau dann, als es uns gelang, eine Speicherkarte per Zeitreise in Ihr Jahr zu schicken. Ja, Sie haben richtig gelesen. Die Forschungen an diesem Thema waren bereits zu Ihrer Zeit im Gange und auch die Theorie, auf welcher unsere „Zeitmaschine“ beruht, hat damals schon existiert. Wir konnten einen Teilchenbeschleuniger so weiterentwickeln, dass es möglich wurde, kleinste Teilchen in der Zeit reisen zu lassen. Inzwischen ist die Maximalgröße auf eine Speicherkarte angewachsen, die es glücklicherweise bereits zu Ihren Zeiten gab, wenn auch mit einem unwahrscheinlich geringen Speicherplatz. Doch wie hat die ganze Sache funktioniert und vor allem, warum berichte ich davon? Würde ich damit nicht den Ablauf der Zeit ändern? Nein. Unsere Vorfahren berichten in alten Aufzeichnungen, dass etwa im vierten Monat des Jahres 2020 eine, wie man damals mutmaßte, Science-Fiction-Geschichte erschien, die jedoch sämtliche Erkenntnisse beinhaltete, an deren Grundlagen man bereits damals forschte, nur eben wesentlich ausgeprägter und weiterentwickelter. Um den Ablauf der Dinge also zu gewährleisten, müssen wir Ihnen sogar diesen Text zukommen lassen. Wie die Geschichte zeigt, läuft es im Jahr 2020 alles andere als rund, was ein weiterer Grund dafür ist, weshalb Ihnen nun dieser Text vorliegt. Er soll denen Hoffnung geben, die bereits in Trübsal versunken sind und meinen, die Welt würde bald untergehen. Doch zurück zur Zeitreise. Zunächst soll die grundlegende Theorie zur Sprache kommen, da diese vielleicht nicht jedem geläufig ist. Wenn man mit einem handelsüblichen Auto unterwegs ist, braucht man eine bestimmte Zeit, um einen bestimmten Ort zu erreichen. Die Straße darf hierbei nicht von Störfaktoren wie zu dichtem Verkehr oder ähnlichem beeinflusst werden. Nimmt man nun einen Sportwagen und nutzt dessen volle Leistung, so erreicht man das Ziel schneller. So kann man immer weiter denken. Je schneller, desto weniger Zeit wird benötigt, bis man irgendwann in genau dem Moment ankommt, in dem man gestartet ist. Geht die Reise nun noch schneller von statten, wird das Ziel in einer Negativzeit erreicht, also beispielsweise fünf Minuten bevor man gestartet ist. Dies sollte durch einen Teilchenbeschleuniger möglich gemacht werden. Wie bereits erwähnt, wir begannen mit kleinsten Teilchen und hatten somit die Erklärung, weshalb in unserem Labor, etwa eine Minute vorher, ein merkwürdiger Staubfilm die Tischplatte überzogen hatte. Weitere Forschungen ließen immer größere Materie und längere Zeiträume zu, wobei wir aber gleichzeitig wussten, dass es gelingen würde, da die Teilchen plötzlich bei uns auftauchten. Um Sie nicht vollkommen zu verwirren, werde ich meine Ausführungen an dieser Stelle beenden und Elena Saxon das Wort überlassen. Sie ist diejenige, deren Erzählung die folgenden Seiten gehören, doch möchte ich Sie lieber gleich vorwarnen: Die Dame ist wirklich taff und lässt sich nichts gefallen. Möglicherweise fällt das in der Sprache auf, obwohl wir sie gebeten haben, nicht allzu sehr zu übertreiben. Darauf lachte sie und sagte: „Wie soll man bitte einen ordentlichen Eindruck des Lebens in unserer Zeit gewinnen, wenn man gleichzeitig so ein geschwollenes Zeug daherpalabern muss, was die damals Hochdeutsch nannten. Aber von mir aus, ich versuch mal, wie’n Mensch aus’n frühen Zwanzigern zu kritzeln, okay?“ Für uns war das okay, wobei sie ihre persönliche Note natürlich trotzdem durchschimmern ließ. Also dann, viel Freude beim Lesen der ersten Geschichte aus der Zukunft.

Professor Doktor G.; Institut für angewandte Physik

Gefahr aus dem Nichts

Chaos

Ich schlug die Augen auf und sah mich um. Dunkelheit, einige farbige Lämpchen, ein an die Wand projiziertes Zifferblatt. Alles wie immer. War es wieder nur ein Traum gewesen? Ich schloss die Augen erneut und hatte sofort wieder die Bilder vor mir, wie ein Film, den man in Dauerschleife über das Innere meiner Augenlider flimmern ließ. Die breite Straße, in einer perfekten Reihe fahrende Autos, die schwarze Limousine und … „Schluss damit!“, ermahnte ich mich laut und stand auf. „Kann ich dir helfen?“ Ich zuckte kurz zusammen. Scheiß Paranoia! „Nein, Marc. Alles in Ordnung.“ Ich verzog mich ins Bad und blickte in den Spiegel. „Shit!“, entfuhr es mir leise, als ich mein Spiegelbild erblickte. Die Frau, die mich daraus anstarrte, hätte problemlos in so’nem schnulzigen Vampirfilm mitspielen können, wie sie diese Sorte Weiber verschlangen, die lediglich dann ins Kino gehen, wenn die Hauptrolle von irgend- einem ach so gut aussehenden Schnösel aus Hollywood besetzt wird, dessen Waschbrettbauch ohnehin nur die fehlenden Hirnzellen kaschieren soll. Shit, ich war schon wieder abgeschweift. Um mich abzulenken, studierte ich mein Spiegelbild etwas näher. Dunkle Augenringe, kaum Farbe im Gesicht, ausdruckslose Miene. Meine langen, schwarzen Haare fielen mir in Wellen über die Schultern und das Nachthemd spannte sich überm Vorbau. Seufzend griff ich nach dem Make-up, verzichtete nach kurzem Zögern jedoch darauf und stellte mich stattdessen unter die Dusche.
Ein paar Minuten später verließ ich, notdürftig hergerichtet, das Bad und ließ mich aufs Sofa im Wohnzimmer fallen. Sofort aktivierte sich der Fernseher und zeigte mir eine Übersicht der aktuellen Nachrichten, die mich jedoch wenig kratzten. Die Tür zum Arbeitszimmer öffnete sich und Marc trat heraus. Er trug ein schlichtes Hemd, eine schwarze Hose und funktionale Schuhe. Mit denen konnte man Steilwände hochklettern, hatte eine starke Haftung am Boden, um schneller und sicherer, vor allem auf glatten Böden, laufen zu können, und verursachten gleichzeitig kein Geräusch. Marcs schwarze, kurzgeschnittene Haare lagen ordentlich auf seinem Kopf und in seinem Gesicht machte sich ein besorgter Ausdruck breit. In Berechnungen vertieft strich er sich über den linken Arm, an dem sich ein schwarzes Armband mit einem verschnörkelten „B“ darauf befand. Dieses Armband wies Marc als einen Bot aus, einen hochintelligenten, humanoiden Roboter, der als Assistent arbeitete. Die Idee dahinter war simpel. Auf der einen Seite vernetzte Häuser, die andererseits natürlich problemlos gehackt werden könnten, wenn man sie ans Internet anschließen würde. Also beschloss die Regierung vor einigen Jahren, dass jedes Haus ein eigenes Netzwerk besitzen sollte, das sich ständig anpassen könnte und somit viel schwieriger zu hacken wäre. Der zentrale Punkt in diesem Netzwerk war Marc, der als einzige Komponente in diesem Haus selbstständig auf das Internet zugreifen konnte. Andere Geräte mussten erst eine Anfrage stellen, die dann an mich weitergeleitet wurde. „Elena, ich konnte Toms Gedanken analysieren“, sagte Marc plötzlich und ein eiskalter Schauer schoss mir den Rücken runter. Mit diesem simplen Satz hatte er die so mühsam aufgebaute Blockade wieder zerstört und plötzlich hatte ich alles wieder glasklar vor Augen. Mein Freund Tom und ich waren vor einer Woche den Spuren einer kriminellen Organisation gefolgt, die unerkannt in das System der Zentralbank unserer Stadt eindringen und eine Menge Geld entwenden konnte. Als Tom meinte, er hätte den Stützpunkt der Gruppe gefunden, hatten wir uns auf den Weg gemacht und das Gebäude observiert. Doch man hatte uns entdeckt und die ganze Aktion endete in einer Verfolgungsjagd. Tom hatte sich gerade zu mir herumgedreht, um mir freudestrahlend zuzurufen, dass wir sie gleich hätten, da ein Teil der Gruppe in eine Sackgasse eingebogen war, als aus der Reihe autonom fahrender Autos auf der Straße plötzlich eine schwarze Limousine herausgeschossen war und meinen Freund unter sich zermalmt hatte. Marc und ich waren sofort zu ihm gerannt und während ich kaum fassen konnte, was da gerade passiert war, hatte Marc irgendeine Elektrode in Toms zersplitterten Schädel geschoben. Die Bilder verfolgten mich noch immer und es war mir seither kaum möglich, wieder einen geregelten Alltag zu führen. „Entschuldige bitte meine Unachtsamkeit, aber er scheint wirklich etwas wichtiges herausgefunden zu haben.“ Ich versuchte mich zusammenzureißen und sagte: „Schon gut. Berichte.“ Marc tat wie geheißen: „Als wir Tom erreichten, war seine Hirnaktivität noch nicht ganz erloschen, weshalb ich die letzten Gedanken, welche ihm durch den Kopf gingen, abspeichern konnte. Eine gründliche Analyse dieser Daten hat ergeben, dass die Vereinigung vermutlich die einzige ihrer Art ist. Die Mitglieder haben eine enorme Ausdauer, sonst hätte ich einen der Flüchtenden auf jeden Fall stellen können. Vermutlich haben sie sich ein verbotenes Medikament oder ähnliches verabreicht. Die restlichen Gedanken galten dir. Offenbar wusste Tom, dass ich mich an seinem Hirn zu schaffen machte, denn sein letzter Gedanke war: „Marc, wenn du nicht ordentlich auf mein Mädel aufpasst, werde ich aus dem Jenseits dafür sorgen, dass dir sämtliche Schaltkreise einzeln herausgerissen werden!““ Unwillkürlich musste ich lächeln. Ja, das klang nach meinem Tom. „Wenn ich dich also richtig verstanden habe, ist die ganze Geschichte noch nicht vorbei, sondern geht erst in die nächste Phase?“ „Hast du die Nachrichten nicht gesehen, die ich dir für den heutigen Morgen zusammengestellt habe?“ Peinlich berührt schüttelte ich den Kopf. Schon aktivierte sich der Fernseher erneut und diesmal hörte ich zu.

„Chaos über Chaos! Auf den Straßen kommt es verstärkt zu Unfällen mit autonomen Fahrzeugen und auch der Eisenbahnbetrieb steht kurz vor dem Stillstand, da mehr und mehr Züge entgleisen. Die Polizei steht vor einem Rätsel, sämtliche Privatdetektive sind angehalten, den Gesetzeshütern zur Seite zu stehen, um diesem Treiben Einhalt zu gebieten. Man geht davon aus, dass die Fahrzeuge gehackt werden, jedoch können selbst die besten IT-Spezialisten keine Unregelmäßigkeiten oder Eindringlinge feststellen.“

Mir klappte die Kinnlade runter. Es war also nicht vorbei. Das Eindringen in die Zentralbank war nur der Auftakt gewesen. Glücklicherweise ahnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht, in welch extreme Dimensionen diese Geschichte noch ausarten sollte.

 

Stillstand

Der Bildschirm erlosch wieder und ich blickte zu Marc. „Irgendwelche Vorschläge?“ Er berechnete kurz, dann: „Nein. Wir können uns schließlich nicht sicher sein, dass es sich bei diesen Verbrechern erneut um die Bankhacker handelt. Zwar gibt es gewisse Parallelen, jedoch wäre es ein Fehler unsererseits, wenn wir von Anfang an davon ausgingen, es seien dieselben Täter. Das wiederum hätte eine einseitige und zu spezifische Nachforschung zur Folge, durch welche uns die wahren Übeltäter möglicherweise entkommen könnten. Daher schlage ich vor, den Fall als einen neuen Auftrag zu betrachten und somit auch unabhängig vom letzten Fall Nachforschungen anzustellen. Selbstverständlich …“ „Schon gut Professor.“, unterbrach ich den Bot, bevor er sich noch mehr in Fahrt bringen konnte. Einmal hatte ich ihn ungestört quasseln lassen, was zur Folge hatte, dass mir ein dreistündiger Vortrag über die „korrekte Installation eines intelligenten Türschlosses“ gehalten wurde. Marc drückte sich leider genauso geschwollen aus wie ein Professor der technischen Universität, daher auch der Spitzname. Wo wir schon bei Sprache sind, es wundert mich wirklich, dass auch ich mich in einer halbwegs „anständigen“ Art und Weise ausdrücke. Ich glaube, dass der Umgang mit diesem klugscheißenden Bot langsam auf mich abfärbt. Normalerweise rede ich nicht lange um den heißen Brei herum, sondern knall die Fakten klar und deutlich auf den Tisch. Tom hatte das immer gefallen und damit gehörte er auf jeden Fall zu einer verschwindend kleinen Minderheit. Mein privater Hausdozent war inzwischen damit beschäftigt, die Überwachungsvideos der Unfallorte herunterzuladen. Als Privatdetektivin hatte ich die Befugnis, auf sämtliches Material, das zur Klärung eines Falles beitragen könnte, zuzugreifen. „Es ist wie die Medien sagen. Aber sieh selbst.“ Diesmal reichte er mir eine VR-Brille, da Überwachungsaufnahmen in 360° aufgenommen wurden. Eine Hauptverkehrsstraße, auf der ein Lastwagen gerade aus der Autoreihe hervorschießt und die geparkten Karren auf einem Supermarktparkplatz umreißt wie ein paar altmodische Verkehrshütchen. Schnitt. Drei Luxusschlitten, die sich drehen wie Kreisel und dann ineinander krachen. Schnitt. Ein Hochgeschwindigkeitszug, durch dessen Entgleisen die einzelnen Segmente auseinandergerissen und die Passagiere über das Gleisbett verteilt werden. Schnitt. Schwarz. Erleichtert nahm ich die Brille ab und versuchte, meine Gedanken zu ordnen. „Wie viele Tote? Und wie konnte ein Hochgeschwindigkeitszug so dermaßen zerstückelt werden? Sollten die Dinger nicht robuster sein?“ Wie immer beantwortete Marc die Fragen in genau der Reihenfolge, in der ich sie gestellt hatte: „Die Anzahl der Toten steht noch nicht offiziell fest, doch man geht von mehreren Hundert aus. Da deine zweite und dritte Frage dasselbe Thema behandeln, werde ich eine Antwort geben, deren genaue Chronologie möglicherweise leicht von der Reihenfolge der Fragestellung abweicht. Tatsächlich ist ein solcher Zug so gebaut, dass er beim Entgleisen nicht zerstört werden kann. Jedenfalls theoretisch. Allerdings gibt es gewisse Schwachstellen, die jedoch nanometergenau getroffen werden müssten, um das Zerlegen des Zuges in seine einzelnen Segmente zur Folge zu haben. Diese minimalen Schwachstellen werden häufig für die Wartungsarbeiten genutzt, um eine handlichere Arbeitsfläche zur Verfügung stehen zu haben. Die Lage dieser Stellen wird genau dokumentiert, sodass sie keinesfalls bei einem Versagen der steuernden künstlichen Intelligenz des Zuges getroffen werden können, was ein präzises Einwirken von außen impliziert.“ „Hätte ein Bot so’ne präzise Rechenleistung?“ Marc nickte: „Theoretisch schon, doch dann hätte man die Signatur dieses Bots zurückverfolgen können. In dem Sicherheitssystem des Zuges ließen sich jedoch keinerlei Eindringlinge feststellen.“ Ich zuckte die Achseln und blickte gedankenverloren aus dem Fenster. Eine Lieferdrohne mit ‘nem ziemlich großen Paket sirrte gerade vorbei. Wahrscheinlich war jemandes Glotze kaputt. Obwohl Bildformende Wände nicht unbedingt ‘ne Neuheit waren, hielten sich die Fernseher doch hartnäckig auf dem Markt. Ich selbst mochte die Teile, weil sie wesentlich mehr Stil als eine olle, glatte Wand hatten und die Lautsprechersysteme klangen auch nicht schlecht. „Wer könnte sonst noch ‚ne derart starke Rechenleistung haben?“ Marcs Augen begannen rot zu blinken. Ich hatte ihn überfordert. Hä? Einen Klugscheißerbot wie ihn überforderte man für gewöhnlich nie. Außer, wenn man unzulässige Fragen oder Aufgaben stellt, die in eine äußerst hohe Geheimhaltungskategorie eingestuft wurden. Ich stand auf und gab ihm einen kräftigen Klaps auf den Kopf. Auf diese Weise startete man einen Bot neu. „Verzeihung, aber diese Information unterliegt der Kategorie \omega.“, schnatterte er los, kaum hatten sich seine Prozessoren wieder eingekriegt. Mir stockte der Atem und plötzlich hatte ich eine Idee.

 

Observation

Die Tür fiel hinter mir zu und verschloss sich automatisch, als ich einen Schritt weiter ging. „Alle Sicherheitssysteme sind aktiviert und voll funktionsfähig.“, vermeldete Marc. Ich hob den Arm und sagte: „Fahrzeug der Klasse \alpha+ zum eingeloggten Standort.“ Die Smartwatch vibrierte kurz, ich ließ den Arm sinken. Diese Kategorie von Fahrzeugen durften nur diejenigen benutzen, die zu den Staatsangestellten gehörten. Da alle Privatdetektive offiziell um Hilfe gebeten worden waren, durfte auch ich die Vorzüge dieser Kategorie genießen, denn sämtliche Kosten wurden vom Staat übernommen. Das „+“ bedeutete, dass hier gleich keine langweilige Limousine, sondern ein schnittiger Sportwagen aufschlagen würde. Kaum hatte ich mich der Straße zugewandt, hielt ein auf Hochglanz polierter Flitzer mit einer Höchstgeschwindigkeit von mehr als 400 km/h vor uns. Marc und ich stiegen ein und ich nannte die nächstbeste Hauptverkehrsstraße. Der Wagen beschleunigte und reihte sich in den gleichmäßig dahinrollenden Stadtverkehr ein. Auch das Verkehrssystem richtete sich nach den Klassifizierungen der Fahrzeuge. Hatte es ein Staatsangestellter besonders eilig, musste man das dem Auto nur melden und schon wurden alle Ampeln auf der eben vom Auto verwendeten Straße grün. Ja, trotz autonomen Fahrens gab es noch Ampeln. Warum wusste keiner so recht. Vermutlich deshalb, weil man in den Kästen leistungsstarke Überwachungssysteme einbauen konnte, was jedoch nie offiziell bestätigt worden war. „Wo fahren wir eigentlich hin?“, erkundigte sich Marc. „Analysiere das Straßennetz mit besonderem Augenmerk auf die Unfallorte.“, entgegnete ich. Marc tat wie geheißen und plötzlich begannen seine Augen zu leuchten. „Tatsächlich folgen die Unfälle einem speziellen Muster. Für den Außenstehenden sieht es vollkommen willkürlich aus, jedoch wurde hier mit dem Zufallsprotokoll 13^136 gearbeitet. Das nächste Opfer ist ein Güterzug, welcher in 10 Minuten den Hauptbahnhof passieren wird. Wo er jedoch entgleisen soll, kann ich nicht sagen.“ „Zum Hauptbahnhof!“, befahl ich dem Sportwagen und damit es etwas schneller ging, fügte ich noch hinzu: „Oberste Priorität.“ Der Hauptbahnhof lag unter normalen Umständen schon 10 Minuten Fahrtzeit von hier entfernt und ich wollte noch etwas Zeit zur Beobachtung haben. Die Autoschlange vor uns rückte zur Seite und bildete eine Gasse, die nächste Ampel schaltete auf grün um. Mit irrer Beschleunigung schoss der Sportwagen durch die auf solche Weise freiwerdenden Straßen und nach fünf Minuten standen wir vor dem Bahnhofsgebäude. „Gleis?“, richtete ich mich an Marc: „Und Einsatzmodus“ Dieser spezielle Modus reduzierte Marcs Antworten auf das Wesentlichste. „67“, gab dieser als Antwort. „Zeit und Strecke?“ „4,5 Minuten, 100 Meter zu Fuß.“ „Los!“ Marc lief zügig vor und ich folgte ihm. Am Gleis angekommen blickte ich mich aufmerksam um, konnte jedoch nichts entdecken. „Uneingeschränkte Personen- und Raumanalyse, Aufzeichnung der Daten.“ Marc nickte und zog sich an ein Terminal zurück. Von dort konnte er auf das komplette Überwachungssystem des Hauptbahnhofes sowie dessen unmittelbarer Umgebung zugreifen. Auf dem Bahnsteig war kaum ein Mensch. Wozu auch? Der Zug würde durchfahren. Nur eine kleine Gruppe von Schaulustigen und ein Bahnhofsmitarbeiter verteilten sich über die Fläche. Schon kam der Zug hereingerast und das in einer merkwürdigen Schieflage. Ich schaltete sofort, sprang hinter eine Säule und rief den anderen ein gellendes „Zurück!“ zu. Lediglich der Bahnhofsangestellte reagierte und sprang ebenfalls hinter einen Pfeiler, die restlichen Beobachter wurden unter dem nun vollständig zur Seite stürzenden Kollos erdrückt. Ich hörte erstickte Schreie, dann das ohrenbetäubende Getöse, mit dem die Container auf dem Steinboden aufschlugen. Ein schriller Alarm ertönte und eine Schar Schaulustiger strömte herbei.

 

Erste Erkenntnisse

Nach gefühlt einer halben Ewigkeit kamen wir wieder zu Hause an. Ich hatte den vor Ort anwesenden Polizisten alles detailliert beschreiben und mehrfach erklären müssen. Wenn alle Polizisten so schwer von Begriff wären, hätte ich mir ernsthaft Sorgen um unsere Sicherheit gemacht. Marc, den ich inzwischen wieder in seine Normaleinstellung umgeschaltet hatte, begann mit dem Bericht: „Zunächst konnte ich nichts ungewöhnliches feststellen. Sämtliche Werte verhielten sich so, wie es sein sollte. Als der Zug jedoch die Weiche passierte, fiel mir zum ersten Mal etwas ungewöhnliches auf. Die Neigetechnik des Zuges wurde überlastet und die daraus resultierende Fehlfunktion brachte ihn in eine Schräglage, die vorerst nicht weiter bedrohlich gewesen wäre, hätten die Lenksysteme auf Höhe des Bahnsteigs nicht plötzlich versucht, eine starke Kurve zu vollziehen. Diese zusätzliche Belastung führte schließlich auch zu dem Unfall. Es war zwar kompliziert, dennoch konnte ich eine schwache Signatur eines Bewusstseins auffangen, welches dem Zug die Anweisung gab, seine Lenkeinheit zu Bewegen.“ „Signatur eines Bewusstseins? Ich dachte, das wäre nur bei Bots möglich. Da ein Menschliches Gehirn nicht mit irgendwelchen Elektroden gespickt ist …“ Ich unterbrach mich und dachte an die Eingebung, die mir heute schon einmal durch den Kopf geschossen war. Die Täter nutzten keine Bots und arbeiteten doch mit deren Präzision. Auch Computer und dergleichen fielen weg, da Marc sonst eine eindeutige Spur hätte zurückverfolgen können. „Cyborgs“, hauchte ich schließlich und Marc nickte, woraufhin seine Augen erneut rot zu blinken begannen. Derartige Cyborgs, mit denen wir es offensichtlich zu tun hatten, waren von der Regierung streng verboten. Lediglich Menschen, die geistig oder körperlich eingeschränkt waren, durften sich mittels Technik behandeln lassen, um auf das Level eines normalen Menschen aufsteigen zu können. Verbesserungen, um an das Niveau eines Bots und darüber hinaus zu kommen, waren untersagt, um ein gewaltiges Sicherheitsrisiko zu unterbinden. Die bisherigen Katastrophen zeigten das nur allzu deutlich und mir bangte bereits vor den nächsten Tagen, die vermutlich auch nicht viel entspannter, eher turbulenter verlaufen würden.

 

Superbot

Am nächsten Morgen fuhr ich mit Marc zur nächsten Dienststelle der Ordnungshüter. Hier wurden wir sofort zu einem Hauptkommissar gebracht, der unserem Bericht gespannt zuhörte. „Und, Sie sind sich da ganz sicher?“, fragte er schließlich. „Natürlich nicht. Aber es ist die einzig logische Erklärung. Mein Professor hier hat Ihnen doch seine „Argumentation erläutert“.“ Marc grinste schief. „Aber was genau kann ich jetzt für Sie tun?“, fragte der Kommissar. „Marc soll gewisse Vollmachten bekommen. Wie soll ich diese Schwe… ähm Verbrecher fassen, wenn er dauernd abstürzt, weil er auf geheime Daten zugreifen muss.“ „Ich weiß nicht, ob das …“ Doch ich fiel ihm ins Wort: „Haben Sie schon irgendwelche wertvollen Informationen gehabt, bevor wir hier aufgekreuzt sind? Wie ich das sehe, tappen Sie mehr als im Dunkeln und wenn dieser Terror aufhören soll, schlage ich vor, dass Sie ihren Arsch hochbequemen und Marc zu Superbot machen.“ Mit leicht geöffnetem Mund starrte der Polizist mich an. Es dauerte eine Weile, bis er sich wieder gefangen hatte, dann sagte er: „Natürlich Verehrteste.“ Ha! Wieder einer dieser Typen, der mit geballter Frauenpower nicht zurechtkam. Zufrieden lehnte ich mich in meinem Stuhl zurück und nahm dankend ein Erfrischungsgetränk an. Kurze Zeit später betrat ein Bot den Raum, der offensichtlich die Funktion eines Technikers hatte. Fragend blickte er den Kommissar an, der jedoch deutete auf mich und nuschelte: „Tu einfach, was sie dir sagt.“ „Nun, welche Funktionen soll ich bei Ihrem Bot freischalten?“ Ich ordnete meine Gedanken, dann legte ich los: „Uneingeschränkten Zugriff auf die Daten aller Geheimhaltungsstufen, das Mentalnet und aller Überwachungssysteme der Stadt und Umgebung. Außerdem die Aktivierung aller Kraftreserven und Aufhebung der Berechnungsblockade. Selbstverständlich braucht er auch eine neue Kennung, um in die sichersten Gebäude hineinzukommen und die Befugnis, in Extremsituationen eigenmächtig handeln zu dürfen.“ Der Techniker stellte keine weiteren Fragen. Er blickte nun zu Marc, der dessen Blick erwiderte. Die Augen der beiden begannen erst rot und schließlich grün zu leuchten. Der Technikerbot nickte mir zu und verließ das Büro. Doch meine ungeteilte Aufmerksamkeit galt Marc, der offensichtlich irgendwelche Berechnungen anstellte. Plötzlich schaltete sich der Computer des Polizisten aus und sein Stuhl, der eigentlich für Verhöre gedacht war, ich hatte nämlich den bequemen Bürostuhl abbekommen, fesselte ihm plötzlich Arme und Beine. „Was soll das?“, protestierte der Kommissar und sträubte sich vehement gegen die Schellen, was zur Folge hatte, dass diese ihn noch fester packten. „Bitte entschuldigen Sie. ich wollte nur sichergehen, dass die Freischaltung der Programme funktioniert hat.“, sagte Marc. Der Stuhl ließ von seinem Gefangenen ab und der Computer schaltete sich wieder ein. Ich grinste breit, verabschiedete mich knapp von dem Kommissar und verließ mit Marc das Gebäude.

 

 

Es wird eng

Ich saß auf dem Sofa in meinem Wohnzimmer und versuchte, alle Fakten zu sortieren. Marc half mir dabei, indem er sie mir vortrug: „Wir wissen also, dass es sich bei den Tätern um Cyborgs handelt, die ihre Körper in hohem Maß modifiziert haben. Sie haben Zugriff auf das Mentalnet und dessen zwar gesicherte aber nicht unüberbrückbare Zweigstelle zum Internet. Da sie intelligent genug sind, ändern sie ständig ihre Signatur und können somit nicht erfasst werden. Der Zugriff zum Internet ermöglicht es ihnen, sich in autonom fahrende Objekte zu hacken und diese gezielt verunglücken zu lassen. Da auch ihre Kraft und Ausdauer gesteigert wurden, können sie einem Menschen mühelos davonlaufen. Wir haben also alles, außer die Täter selbst.“ Ich nickte. Genau in diesem Moment aktivierte sich der Fernseher und der rote Schriftzug „Eilmeldung“ erschien auf dem Bildschirm. Keine Stimme irgendeines Reporters ertönte, es wurden lediglich Livebilder einer Überwachungskamera gezeigt. Mir blieb der Atem weg, als ich sah, wie ein Passagierflugzeug in das Dach eines gigantischen Kaufhauses krachte und in einem Feuerball explodierte. Sekunden später griffen die Flammen auf das Kaufhaus über, jedoch konnten die heranrasenden Löschdrohnen einen großen Teil des Gebäudes retten, sowie die darin befindlichen Menschen in Sicherheit bringen. „Das war kein Anschlag, der auf eine große Opferzahl abzielte. Das war eine Warnung. In naher Zukunft steht uns eine Katastrophe bevor, die, wenn wir sie nicht verhindern können, als das Massaker des Jahrtausends in die Geschichte eingehen wird.“ Marc nickte und uns beiden wurde klar, dass wir schon bald etwas tun mussten, sonst wäre die Stadt verloren und Tausende Menschen würden ihr Leben verlieren.

 

Showdown

Ich stand auf dem Dach des größten Vertical-Farming-Buildings kurz VFB dieser Region und blickte mich um. Es war ein beeindruckender Anblick. Hinter mir gewaltige Solarkollektoren zur Speicherung der Sonnenenergie und vor mir ein kniehohes Gitter, hinter dem der Abgrund lauerte. Die Autos unten waren zu quadratzentimeterkleinen Fahrzeugen geworden, die ruhig dahinflossen wie ein Strom mit geringer Fließgeschwindigkeit. Warum stand ich nochmal hier? Ach ja. Mir war der Gedanke gekommen, dass es sich bei dem Anschlag mit dem Flugzeug, das sich übrigens als leer herausgestellt hatte, um eine versteckte Botschaft gehandelt haben könnte. Nach langem hin und her kam ich zu einer Lösung. Ja, diesmal sogar ich und nicht mein hauseigener Professor. Das Flugzeug symbolisierte ein unbemanntes Fluggerät, welches in der Lage war, eine Großzahl von Menschen gezielt zu eliminieren. Abgesehen von Flugzeugen, das wäre zu offensichtlich gewesen, fielen mir nur Militärdrohnen ein. Ich möchte betonen, dass unser politisches System den Frieden bereits seit Jahrzehnten gewährleisten konnte und es nicht einmal zu Krisen oder ähnlichem gekommen war, was einen Krieg zur Folge gehabt hätte. Keine politischen Spannungen zwischen den einzelnen Ländern, sondern eine überaus wirksame Zusammenarbeit. Doch eine Absicherung für etwaige Zwischenfälle musste gewährleistet sein, weshalb sich das Militär mit Drohnen ausgestattet hatte, die ausgesprochen wirkungsvolle Waffensysteme besaßen. Diese wurden in zwei Gruppen unterteilt: Die für den Nahkampf konstruierten Drohnen mit vollautomatischen Geschützen und die für größere Entfernungen mit Präzisionswaffen. Wenn die Cyborgs diese Geräte einsetzen würden, hätte die Stadt nichts mehr zu lachen. Daher hatten Marc und ich einen Plan ausgeheckt und hofften inständig, dass er funktionieren möge und dass wir in den Anschlag nicht zu viel hineininterpretiert hatten. Also erklomm ich mit meinen Multifunktionsschuhen einen der Solarkollektoren und sprang von einem zum nächsten, wobei ich mich stetig weiter nach oben bewegte. Endlich stand ich am höchsten Punkt dieser Stadt. Was das Vertical-Farming-Building betraf, so verfügte es über sämtliche Lebensmittel, die man benötigte. Das Fischzucht-, und Gemüse/Obstanbausystem waren verbunden, wobei die Pflanzen mit dem Abwasser der Fische bewässert wurden. Sowohl Süßwasser-, als auch Meereslebewesen waren vertreten. Sie lebten in einem biologischen System, das einen Kreislauf darstellte. Das heißt, wie in der Natur lebten Jäger und Beutetiere auf einer so großen Fläche zusammen, dass keiner der Bestände zur Neige gehen konnte. Auf anderen Ebenen wurden Nutztiere gezüchtet. Sie wurden auf großen Weiden mit spezieller Beleuchtung gehalten, bei der man tatsächlich meinen konnte, die Sonne schiene. Neben der identischen Leuchterscheinung konnte ebenfalls eine Vitamin-D-erzeugende Strahlung aktiviert werden. Die Energie bezog das Gebäude von den Solarkollektoren, deren enormer Wirkungsgrad es ermöglichte, die umgebenden Stadtbezirke ebenfalls zu versorgen. Überhaupt hatte man die Energiegewinnung durch erneuerbare Energien so perfektioniert, dass keine fossilen Stoffe mehr verwendet werden mussten.
Eine Windböe ließ mich vorwärts taumeln. Ich hockte mich in eine angenehme Position und holte meine Brille hervor. Mit ihr konnte ich kilometerweit sehen, sie zur Anzeige von unterschiedlichsten Anwendungen oder zum Zielen mit meiner Präzisionspistole verwenden. Ja, inzwischen brauchte man keine Gewehre mit Stativ mehr, um präzise schießen zu können. Ich schaltete die Brille auf „beobachten“ und ließ den Blick über die Stadt schweifen. Bislang war alles ruhig. Da ertönte Marcs Stimme in dem Headset, das kaum sichtbar in meinem Ohr steckte. „Soeben sind die Drohnen vom Stützpunkt gestartet. Die voraussichtliche Ankunftszeit, immer vorausgesetzt dass …“ „Einsatzmodus!“, unterbrach ich ihn genervt. „Tut mir leid, doch in dieser Extremsituation halte ich es für besser, im uneingeschränkten Modus zu verbleiben. Jedoch werde ich versuchen, mich dennoch kurz zu fassen. In drei Minuten erreichen die Drohnen die Stadt. Sie kreisen uns ein.“ Innerlich verfluchte ich mich dafür, dass ich ihm die Freiheit gelassen hatte, in Extremsituationen eigenmächtig handeln zu dürfen, andererseits beruhte unser Plan genau darauf. Ich zog die Pistole und aktivierte zusätzlich die Zielanwendung an meiner Brille. Ein roter Punkt zeigte an, worauf der Lauf der Pistole gerichtet war. Momentan auf die Spitze des Turmes der Kathedrale. Ich setze mir zusätzlich noch einen Helm mit 360°-Kamera auf. Da erblickte ich auch schon das erste Positionslicht. Eine Nahkampfdrohne schwirrte über einen Platz am Stadtrand und richtete das Geschütz aus. Ich legte an und schoss. Das Projektil erreichte die Drohne einige Augenblicke später und machte sie auf mich aufmerksam. Dummerweise schienen die Cyborgs zu denken, ich sei eine zu große Bedrohung. Jedenfalls schossen mehrere der plötzlich auftauchenden Lichter auf mich zu. Ich zog eine vollautomatische Waffe, stellte die Brille auf „Nahkampf“ und machte mich so klein ich konnte. Dann entflammte das Gefecht. Kugeln prasselten haarscharf an mir vorbei und schlugen durch die Oberfläche der Solarkollektoren. Ich ließ mich in eine Spalt zwischen ebendiese fallen und erwiderte das Feuer. Marc hatte mir die Schwachstellen der Drohnen genannt und so konnte ich ein paar davon vom Himmel holen. Doch leider wurden es immer mehr und meine Munition weniger. Eine Kugel streifte den Helm, eine weitere flog knapp an meiner Schulter vorbei. Wenn Marc nicht bald etwas unternehmen würde, wäre es aus mit mir.

Der Bot hatte sich in einem zentralen Punkt des Überwachungssystems der Stadt positioniert und beobachtete, wie einige der Drohnen auf das VFB zuflogen. In Berechnungen vertieft nahm er es zur Kenntnis. Inzwischen hatte er ermittelt, dass das Team der Cyborgs aus drei Maschinenmenschen bestand. Im Mentalnet, dem Netzwerk für elektronische Gedankengänge, konnte er der auf mentaler Ebene geführten Unterhaltung folgen. Dabei änderte der Bot, wie sie, seine Kennung, um nicht bemerkt zu werden. Wenn er versuchen würde, die Cyborgs über das Mentalnet lahm zu legen, würde er sofort auffliegen. Doch dann rastete etwas ein und ein Lächeln spielte um die künstlichen Lippen des Bots. Er griff ebenfalls auf die Datenbank des Militärs zu, versah die dritte Drohnenart, sie konnte starke Magnetfeldänderungen erzeugen und somit sämtliche Maschinen lahm legen, mit einer sich ändernden Kennung, aktivierte den Tarnmodus, schließlich legte er keinen Wert auf Aufmerksamkeit wie es die Cyborgs taten, und ließ sie zum VFB fliegen.

Bestürzt sah ich, wie ein weiteres Schwadron näher kam. Plötzlich erstarrten die totbringenden Drohnen über mir und stürzten auf das Dach. Nahe bei mir hörte ich drei Stimmen schmerzerfüllt aufschreien. Da offensichtlich keine Gefahr mehr bestand, folgte ich dem Geräusch und traute meinen Augen kaum. Hinter einem Kollektor wanden sich drei Gestalten auf dem Boden. Ich griff mir an den Kopf. Sie waren die ganze Zeit hier gewesen und ich hatte sie nicht bemerkt. Vor mir hatte ich die Cyborgs, die unsichtbaren Terroristen, die Mörder meines Freundes. Lächelnd hob ich den Arm und beorderte über die Smartwatch einen Polizeihelikopter zum VFB. Die Cyborgs hörten erst auf zu schreien und sich zu winden, als Greifarme herabstießen und sie packten. Heute weiß ich, dass mir Marc diesen Gefallen getan hatte. Gefallen? Ja. Im Nachhinein erfuhr ich, dass die Magnetfelder sich für die Maschinenmenschen etwa so anfühlten, wie ein stark gereizter Nerv. Und jeder, der sich mal einen eingeklemmt hat wird wissen, wie schmerzhaft so etwas ist. Diese Höllenqual hatte Marc ihnen als Rache für Toms Tod angedeihen lassen.

 

Bekannter Friede

Ausgerechnet eine der dunkelsten Episoden meines Lebens. Genau das habe ich Ihnen erzählt. Warum? Ganz einfach! Es war auch eine der spannendsten Episoden meines Lebens und ich wollte Sie nicht mit irgendeiner schnöden Alltagsbegebenheit langweilen. Inzwischen ist alles wieder beim Alten. Neue Software wurde mit Marcs Hilfe entwickelt, die selbst einem Cyborg das Leben schwer machen würde. Übrigens, als Auszeichnung für seinen Beitrag durfte er seine Funktionen behalten und somit Superbot bleiben. Mir wurde ebenfalls eine Auszeichnung verliehen und inzwischen bin ich beim Geheimdienst tätig. Viel bleibt eigentlich nicht mehr zu sagen, außer dass es herrlich ist, in einer Welt zu leben, die nicht vor einer Klimakatastrophe steht und sich nicht mehr über die Natur stellt, sondern Seite an Seite mit ihr besteht. Ich könnte hier noch stundenlang weiterreden, aber erstens habe ich die Nase voll von diesem hochtrabenden Gequassel und zweitens sollen Sie einiges schön selber rausfinden. Egal wie düster das Jahr 2020 auch aussieht, es wird besser. Wissenschaft und Technik werden für einen sauberen und perfektionierten Globus sorgen. Und ich hoffe, dass ich einige der Vorzüge trotz Cyborgterrorismus hervorheben konnte.
Hoffentlich auf Nimmerwiedersehen (Schreibkram und so)

Ihre Elena Saxon

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